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Euro-Visionär anno 1909
Mecklenburger Chemiker hob erste internationale Währung aus der Taufe
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Name fast vergessen, genauer Geburtsort unbekannt, aber seine Vision lebt: Bereits im Jahre 1909 realisierte der aus Mecklenburg emigrierte Industriechemiker und Esperanto-Aktivist Herbert F. Höveler (1859–1918) in London die zukunftsweisende Idee eines neutralen Zahlungsmittels. Ohne jahrzehntelanges Polit-Brimborium und ohne allumfassendes Brüsseler Bürokratenregularium. Unter dem Namen »Chekbanko Esperantista« gründete Höveler ein Geldinstitut, das seinen Kunden günstige und unkomplizierte Finanztransfers zwischen mehr als 40 Ländern in aller Welt ermöglichte, berichtet der Schweriner Esperanto-Chronist Ralf Kuse. Die Währung mit dem sinnfälligen Namen »Speso« – abgeleitet vom französischen »espèce« für »Stück« – war an den Goldpreis gekoppelt. »Ein Spesmi lo hatte einen Goldwert von 0,8 Gramm und war mit einem Scheck, beschrieben mit Esperanto-Texten, bei allen Banken der Welt in englische Pfund einlösbar«, erklärt der Autor etlicher Publikationen über Höveler das Prinzip.


Ähnlich kreativ und praktikabel war der Wert des kleineren »Spescento« angelegt. Er entsprach dem Gegenwert einer Briefmarke ins Ausland. Im Jahr 1914 griffen immerhin 730 Kunden in 320 Städten/43 Ländern auf Hövelers weitsichtige Weltwährung zurück.

Der in seiner Heimat heute fast vergessene Euro-Vorreiter ist in Fachkreisen noch hoch angesehen. »Höveler hat damals eine Utopie gewagt, die erst jetzt Wirklichkeit geworden ist«, betont der Wiener Experte Herbert Mayer. Damit, sagt der Direktor der Plansprachen-Sammlung und des Esperantomuseums in der Österreichischen Nationalbibliothek, »steht er als eine bedeutende Persönlichkeit in der Esperanto-Geschichte«. Wirklich bekannt ist allerdings nicht der Schöpfer, sondern nur der Speso. Beide sind auch in der weltgrößten Plansprachen-Sammlung verewigt. Zwischen 30 000 Bücherbänden, Tausenden Plakaten und Ausstellungsstücken wie Esperanto-Sternen oder -fahnen liegt in einer Vitrine der Abteilung »Utopien« ein unscheinbares Stück Papier, das an heutige Überweisungsträger erinnert. Mit der entschlossenen Umsetzung der kurz zuvor vom Schweizer Mathematiker René de Saussure geborenen Idee einer internationalen Währung auf Basis des Dezimalsystems war der Mecklenburger in London seiner Zeit weit voraus. Und nicht nur das: Der Gründer des heute noch aktiven Londoner Esperantoclubs sowie weiterer Sprachvereine in Italien und Palästina gab nebenbei auch noch eine erfolgreiche Kurzfassung der Esperanto-Grammatik heraus. Und er erschloss schließlich sogar seinen heißgeliebten Heimatdichter Fritz Reuter der Esperanto-Welt. Das Ergebnis heißt »Kio povas okazi, se oni donacas surprize« – auf gut Platt »Wat bi ’ne Äwerraschung ’ruter kamen kann«. Für seine Reuter-Übersetzung, die im Übrigen auch in Wien steht – engagierte Höveler sogar einen eigenen Illustrator.

Die visionäre Währungs-Idee starb damals zwar mit dem Tod Hövelers im Ersten Weltkrieg, weil sich niemand für ihre Weiterführung fand. Aber Hövelers Speso lebt weiter. Die Darstellung der Scheine tauche nach wie vor auf jedem internationalen Esperanto-Kongress auf, sagt Dr. Martin Haase, Direktor des Deutschen Esperanto-Instituts (DEI). Fragen rund um Spesmilo & Co. zählten auch heute noch zum Standard-Repertoire der höheren Esperanto-Sprachprüfungen. Und bis vor Kurzem stand in jedem Jahrbuch der Esperantisten noch die Formel zur Errechnung des aktuellen Speso-Wertes. »Auch wenn die Person Höveler etwas in den Hintergrund gerückt ist«, sagt der DEI-Chef, »der Speso gehört einfach zur Esperanto-Kultur.«

Das war im Polit-Palaver um die Euro-Einführung offenbar aber nicht bis zu einigen hochkarätigen Deutsch-Mark-Hardlinern, vorrangig aus dem bajuwarischen Freistaat, vorgedrungen. »Da haben manche über das angeblich wertlose Esperanto-Geld gewettert«, schmunzelte der Wiener Fachmann Mayer. »Die wissen vermutlich bis heute nicht, dass es das tatsächlich gab.«

 
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