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Das doppelte Gesicht der Raumfahrt
Raketenwaffe startete von Peenemünde ins All
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Der Physiker Hermann Oberth veröffentlichte 1923 eine Untersuchung zur Technik der Raumfahrt und löste damit eine Welle größten Interesses an der Raketentechnik aus. Auf dieser Welle schwamm u.a. der Regisseur Fritz Lang, der 1929 seinen Film Frau im Mond uraufführte. Zu dieser Zeit verfolgten die Raketenforscher noch zivile Fragestellungen und untersuchten z.B. den Einsatz meteorologischer oder Post befördernder Raketen.


Erst als Ende der 20er Jahre Flüssigkeitstriebwerke stärkere Beachtung fanden, erwachte das Interesse der Militärs. Denn: flüssigkeitsgetriebene Raketen sind unabhängig vom umgebenden Medium, kennen keine Grenzen, was Höhe und Geschwindigkeit betrifft. Flüssige Treibstoffe sind wesentlich leistungsfähiger und eröffnen technisch günstigere Steuerungsmöglichkeiten für einen Großflugkörper. So ließ das Heereswaffenamt 1929 die militärische Verwendbarkeit von Flüssigraketen prüfen und unterstützte den »Raketenflugplatz« Berlin-Tegel. Dort waren Enthusiasten wie Rudolf Ne bel, Hermann Oberth und Klaus Riedel tätig. Zum Verein für Raumschifffahrt stieß Anfang der 1930er Jahre auch der Physikstudent Wernher von Braun. 1932 wurde von Braun Mitarbeiter bei Walter Dornberger in Kummersdorf bei Berlin, wo die Reichswehr eine Versuchsstelle für Raketen eingerichtet hatte. In den folgenden Jahren formten Dornberger und von Braun einen Forscherstamm, der 1936 mehr als 70 Mitarbeiter umfasste. Sie experimentierten, prüften und konstruierten, erprobten Raketenformen, Einspritzmaschinen für den Treibstoff usw. Sie versuchten, den Flug der Rakete zu stabilisieren und die Steuerung zu verbessern. Die Raketen auf den Prüfständen wurden Schritt für Schritt größer und schwerer – und damit reif für die Insel. 1936 überzeugten Dornberger und von Braun deutsche Militärs. Eine Förderung in Millionenhöhe wurde zugesagt, wenn »aus dem Raketenantrieb eine brauchbare Waffe zu machen« sei. Noch im gleichen Jahr begannen die Bauarbeiten zur teuersten »Waffenschmiede« des »Dritten Reiches« in Peenemünde. Der auf Usedom gelegene Ort war für das Vorhaben ideal. Die Insellage erleichterte die Geheimhaltung und ermöglichte ungestörte Schussversuche entlang der Küste.

Die Entwicklung der folgenden Jahre wurde vor allem durch General Dornberger, Leiter der Raketenentwicklung, und von Braun als Technischem Direktor geprägt. An ihrer Seite arbeiteten Hunderte Wissenschaftler und Tausende Facharbeiter. Als mit Kriegsbeginn 1939 nicht nur Materialengpässe auftraten, sondern auch der Mangel an Arbeitskräften immer größer wurde, zog man neben dienstverpflichteten deutschen Arbeitern ab 1940 zunehmend ausländische Zwangsarbeiter und seit 1943 KZHäftlinge heran. Zu dieser Zeit startete die erste Rakete erfolgreich. Im dicht bewaldeten Gelände der Heeresversuchsanstalt stand am 3. Oktober 1942 das vierte Versuchsmuster der Fernrakete A 4 am Prüfstand 7 zum Abschuss bereit. Um 15.58 Uhr bewegte sich der Raketenkörper über den Wald. Den Startbefehl hatte Oberst Dornberger über Mikrophon an die Prüfstandingenieure gegeben. Die Militärs verfolgten das Geschehen am Fernsehschirm – Peenemünde war mit modernster Technik ausgestattet. Es war schon der fünfte Startversuch innerhalb von acht Monaten. Bereits im August war eine Gipfelhöhe von zwölf Kilometern erreicht worden. Doch die Ziele waren ehrgeiziger, denn nach der verlorenen Luftschlacht gegen Großbritannien hatte Dornberger im Sommer 1941 Adolf Hitler eine »Vergeltungswaffe « versprochen, die eine Reichweite von 300 km erzielen, die Briten treffen und London in Schutt und Asche legen könnte.

Die 14 t schwere Rakete hob mühelos ab, erreichte mit Überschallgeschwindigkeit eine Höhe von 84,5 km und schlug nach 192 km in die Ostsee ein. Der Jubel war groß. Die Ingenieure waren den Sternen ein gehöriges Stück näher gerückt! Die Militärs feierten eine Waffe neuer Dimension. Sie hatten eine Fernrakete, für die es noch keine Abwehrmöglichkeit gab. Es sei denn, man vernichtete die Fertigung. Aufgrund von Informationen aus verschiede98 nen Quellen griffen alliierte Bomberverbände 1943 Peenemünde an und zerstörten die Produktionsanlagen schwer. Die Serienproduktion der Rakete, der »Wunderwaffe V2«, musste in ein unterirdisches Mittelwerk bei Nord hausen im Harz verlegt werden. Hier entstand auch das KZ Mittelbau-Dora. Unter unmenschlichen Bedingungen errichteten Häftlinge in kürzester Zeit Produktionsstätten und begannen mit der Serienherstellung der Terrorwaffe. Von ca. 60000 Menschen aus 21 Ländern, die hier zwischen 1943 und 1945 arbeiteten, überlebten etwa 20 000 diese Hölle nicht.

Von September 1944 bis März 1945 wurden rund 3200 Fernraketen A4/ V2 abgeschossen und dabei ca. 5000 Menschen – vor allem britische Zivilisten – getötet.

Anfang Mai 1945 besetzte die Rote Armee Peenemünde. Es fiel kein Schuss. Die einstige Hochburg der deutschen Waffentechnologie ging in die Hände des Siegers über.

Was bleibt? Die gewaltige finanzielle und menschliche Ressourcen verschlingende Rakete war in militärischer Hinsicht ein Fehlschlag, denn den Kriegsverlauf wendete sie nicht. Die Raketentechnologie der Nazis beschleunigte nach Kriegsende die Entwicklung der Weltraumrakete, ohne die Satelliten nicht das All erreichen könnten. Sie ebnete auch den Weg zur Interkontinentalrakete. Mit Atomsprengköpfen bestückt spielte sie eine zentrale Rolle im Kalten Krieg. Ingenieure wie Wernher von Braun stellten das menschenverachtende Sklavensystem der Nazis, das ihre Raketen ermöglichte, nie in Frage. Worte des Bedauerns sind bis heute nicht bekannt.

 

Quellen:

Möller, K., Lilienthal: Der Traum vom Fliegen, Rostock 2006

 
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