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Die Grande Dame des Esperanto
Schwerinerin schrieb als erste Dichterin in der Kunstsprache
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Es war eine späte Erfüllung: Im Alter von 61 Jahren setzt sich Marie Hankel auf die Schulbank. Zusammen mit dem Gymnasiallehrer Gotthilf Sellin lernt die Schwerinerin Esperanto – und entdeckt eine faszinierende neue Welt jenseits des trüben Witwenlebens seit dem frühen Tod ihres Mannes vor 28 Jahren. Begeistert stürzt sich die aus einer gut situierten Ministerialratsfamilie stammende Frau in die Verbreitung der noch jungen Esperanto-Idee. Erst recht nach dem Umzug zu ihrer in Dresden lebenden Tochter. An der Elbe profiliert sich Marie Hankel schnell als geachtete Organisatorin von Esperanto-Kongressen. 1907/1908wirkt sie maßgeblich an der Ausrichtung des 2. Deutschen Esperanto-Kongres ses in Dresden mit und übernimmt 1908 auch die Redaktion der Kulturzeitschrift »La Bela Mondo«.

Im gleichen Jahr, berichtet der Schweriner Chronist Ralf Kuse, ist sie als erste Frau überhaupt im Kongresskomitee für den in Dresden stattfindenden 4. Esperanto-Weltkongress präsent. Zu dem unter Schirmherrschaft des sächsischen Königs veranstalteten Großereignis reist auch der weltweit verehrte Esperanto-Erfinder Dr. Zamenhof an, mit dem Marie Hankel eine intensive Korrespondenz aufnimmt. Zamenhofs letzter unvollendeter Brief vor seinem Tod am 8. April 1917 ist an sie adressiert. Kein Wunder, dass sie von »einfachen« Esperantisten nahezu als eine Art weiblicher »Jünger« des »Majstro«, des »Meisters« L.L. Zamenhof angesehen wurde, schreibt der Kölner Sprachforscher Bernard Pabst. »Der Tag, der Marie Hankels historischen Ruhm als erste Esperanto-Dichterin begründete, war der 8. September 1909, als sie als 65-Jährige auf dem 5. Esperanto-Weltkongress in Barcelona für ihr Gedicht ›La simbolo de l' amo‹ (Das Symbol der Liebe) zur ersten ›Blumenkönigin‹ gewählt wurde«, ergänzt der Wissenschaftler. »Fortan galt sie als die ›Grande Dame‹ der deutschen Esperanto-Bewegung.«

»Die Qualität ihrer Gedichte ist allerdings sehr zeitabhängig zu sehen«, relativiert der Wiener Esperanto-Experte Herbert Mayer. »Nach heutigen Maßstäben klingen sie eher naiv.«

Dennoch treffen sie den Nerv einer aufstrebenden weltoffenen Sprachgemeinde. Und Marie Hankel leistet neben dem Dienst für die leichte Muse durchaus ernsthafte Beiträge für ein modernes Frauenbild. Mit ihrem Engagement als Kongress-Organisatorin und eigenen Auftritten wie einer Rede auf dem 6. Esperanto- Weltkongress 1910 in Washington zum Frauen-Wahlrecht. »Hier gab es Arbeit, die ich leisten konnte, hier war meine Tätigkeit nützlich, ja notwendig. … Es war eine Lust zu leben!«, schreibt die glühende Esperantistin über ihre spät entdeckte Berufung.

Diese Begeisterung begleitet sie bis in den Tod: 85-jährig stirbt Marie Hankel in Dresden. Am 15.12.1929 – dem als Zamenhof-Tag gefeierten Geburtstag des »Majstro«. Die Elbmetropole hat der Schwerinerin ein Denkmal gesetzt: Eine Straße trägt seit 2003 den Namen der Begründerin der Esperanto-Literatur.

 
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