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Palmenretter aus Görnow
Bioakustiker Benedikt von Laar spürt mit Erfindergeist einen versteckten Feind auf
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Eigentlich find’ ich den wunderschön«, sagt Benedikt von Laar und betrachtet nachdenklich den leuchtend rostroten Käfer im Klarsichtzylinder auf dem Wohnzimmertisch. Träge wechselt der Sechsbeiner mit dem markanten Rüsselfortsatz am Kopf die Position. Zur Wohlfühltemperatur fehlen »Rhynchophorusferrugineus« trotz des knisternden Kaminofens im Guthaus von Klein Görnow etliche Grade. Umso aktiver ist das prächtige Insekt mit dem harmlosen deutschen Namen »Roter Palmen-Rüsselkäfer« einige Breitengrade südlich des bei Warin am Warnowtal gelegenen Dörfchens.

»Allein in Saudi Arabien richtet er jedes Jahr Schäden von 120 Millionen Dollar an«, weiß der 41-jährige Chef der Bioakustik- und Beratungsfirma BvL aus den Erfahrungen der seit 2001 laufenden Kooperation mit saudischen Regierungsbehörden. Die Strategie der tierischen Feinschmecker ist umwerfend einfach: Unter dem Motto: »Was nach Palme aussieht, da gehen wir auch rein« bohren die Käfer knapp unter der Erde kleine Höhlen in den Stamm oder winzige Löchlein in die Blattansätze und deponieren dort ihre Eier, erklärt von Laar. Im Schutze des zähen Palmenstamms wächst dann unter fröhlichem Verzehr des pflanzlichen Innenlebens und äußerlich völlig unbemerkt eine neue Rüsslergeneration heran. »Das geht solange, bis die Palme auseinander-bricht«, sagt der studierte Biologie-Geografie- Pädagoge, Landschaftsökologe und IT-Fachmann. »Dann hat man sofort ein Problem von 300 bis 600 Käfern, die nur einen Job haben – die nächste Palme finden.«

Das größte Problem hat der gebürtige Bottroper bereits im Griff: Mit einer weltweit einzigartigen Hightech-Lauschanlage kann er anhand der extrem schwachen Geräusche der Rüssler-Larven befallene Pflanzen im Frühstadium identifizieren und nicht erst, wenn die Knabberkünstler ihr Zerstörungswerk vollendet haben.

»Der Detektor arbeitet mit 80 Dezibel Verstärkung – das heißt wir heben das Geräusch auf Düsenjet-Niveau«, erklärt der Tüftler mit dem Leitspruch: »Wo andere aufhören, fangen wir an.«

Damit lässt die Firma aus dem 18-Seelen Dorf am Warnowtal die Fachwelt aufhorchen. Im April 2007 reiste der Bioakustiker auf Einladung von UN-Behörden sowie des saudischen Agrarministeriums zu Vorträgen in die Emirate. Die mit einem flexiblen Spezialisten- Netzwerk aus ganz Deutschland entwickelten BvL-Geräte sind neben Saudi-Arabien inzwischen auch rund um das spanische Valencia, in der italienischen Region Palermo, auf Rhodos, Kreta und den Kanaren im Einsatz.

»Zuvor zahlt allerdings jedes Land ein irres Lehrgeld«, berichtet der rauschebärtige 2,03-Meter-Hüne. »Zuerst versucht man es mit Pestiziden, die zwar rundum einschließlich der Fressfeinde alles platt machen, aber den Käfer nicht erreichen, weil der durch den Stamm geschützt ist.« Dann kämen Lockstoff-Fallen zum Einsatz, die lediglich eines bewirkten: »Die locken die Käfer erst recht in Massen an.« Mitunter hilft das immerhin auf den richtigen Weg, erzählt der Wahlmecklenburger schmunzelnd. So hatten eifrige Staatsdiener den Garten des spanischen Umweltministers mit Fallen dekoriert. »Der war stinksauer, als binnen weniger Wochen seine Lieblingsbäume zusammenkrachten und hat uns dann eingeschaltet.«

»Ich erreiche mit der Bioakustik eine Trefferquote von 97 Prozent«, sagt er. Trotz hochsensibler Technik sei das aber ein mühseliger Weg, der viel Erfahrung und Hartnäckigkeit fordere. Denn nach der Früherkennung muss schnell und konsequent gehandelt werden. Via Satellitenortung wird die Ausbreitungsrichtung bestimmt – »damit man an der Spitze ansetzt und nicht dem Käfer hinterherrennt«, erklärt von Laar. Dann folgt der harte Schnitt: Betroffene Bäume sofort fällen und fachgerecht entsorgen. »Das ist kontaminiertes Material«, warnt der Experte. In der Praxis passieren jedoch
haarsträubende Pannen. Etwa indem gefällte Palmen mit fresslustigem Innenleben auf offenen Lastern abtransportiert – und Käfer großflächig verteilt werden.

Überhaupt ist für den Naturfreund von Laar der Faktor Mensch ein Kernproblem. Erst dessen »regulierendes Eingreifen« mit Monokultur und chemischer Keule löse Invasionen wie die des Palmrüsslers aus, mahnt er.

Potenziert wird das durch Billigwahn und Gewinngier. Um Pauschaltouristen »Bahama-Feeling zum Discount-Tarif« zu bieten, wären massenhaft Palmen aus Ägypten auf Kanaren, Balearen & Co. geschafft worden, weiß von Laar. »Und das, obwohl im Nildelta bis zu 90 Prozent der Palmen vom Käfer befallen sind.« Zusammenhänge wie diese will der Nachhaltigkeits-Streiter künftig verstärkt auch als Hilfe zur Selbsthilfe über ein Seminarzentrum von Klein Görnow aus in alle Welt transportieren. So führte von Laar Tibetern die Vorzüge der Naturparks in Mecklenburg-Vorpommern vor Augen. Aus gutem Grund: In deren Heimat rasen Neureiche mit Vorliebe in Speedbooten über sensible Bergseen.

Der Erfolg des Akustik-Tüftlers spricht sich mittlerweile herum. Aus Wien kam jüngst ein Hilferuf der Restauratoren, die die Gruften der auf dem Zentralfriedhof bestatteten Berühmtheiten von Beethoven bis Brahms betreuen. »Da ist eine extrem seltene Art von Rüsselkäfer aufgetaucht und knabbert denen die Särge weg.«

 
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