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Romanow-Residenz bei Rostock
Russischer, dänischer und deutscher Hochadel: Familientreffen an der Ostsee
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Geheimnisvoll verstecken die hohen Tannen am Rande der Rostocker Heide ein reizendes Juwel. An ein uraltes russisches Märchen erinnert das Backsteingebäude mit seinen vielen Türmchen und Giebeln. Und tatsächlich empfing das Jagdschloss Gelbensande im Osten der Hansestadt häufig russische Gäste. Von äußerst hohem Rang sind auch die Besucher, die sich hier, im Jagdrevier des mecklenburgischen Landesfürsten auch heute noch die Ehre geben.

Das traditionsreiche Mecklenburger Fürstengeschlecht residierte im Schweriner Schloss, aber zog es die hohen Herrschaften, des Regierens zeitweise überdrüssig, in ihre umliegenden Land- und Jagdhäuser. Großherzog zu Mecklenburg-Schwerin Friedrich Franz III (1851-1897) und seine Gemahlin, ihre kaiserliche Hoheit Anastasia Großfürstin von Russland, wählten die am Meer gelegene Waldlandschaft „im Gelben Sande“ zum Standort einer Sommerresidenz für sich und ihre Kinder Alexandrine, Friedrich Franz IV und Cecilie. Den Bau des Herrenhauses hatte Friedrich Franz III bei dem Baumeister Gotthilf Ludwig Möckel in Auftrag gegeben, der 1885/86 das Jagdschloss im englischen Landhausstil errichtete.

Kein geringerer als Zarensohn Michail Nikolajewitsch Romanow beteiligte sich großzügig an der Finanzierung des Herrenhauses. Nicht ganz uneigennützig unterstützte Anastasias Vater den Großherzog, erwarb er sich doch so das Recht, sich ebenfalls dann und wann im gesunden Seeklima von seinen Regierungsgeschäften zu erholen. Der Legende nach soll auf ausdrücklichen Wunsch des Romanow auch die stilvolle Überdachung über der Außentreppe errichtet worden sein, da seine Kaiserliche Hoheit es gewohnt war, seine Kutsche trockenen Fußes zu erreichen.

Damit sich der russische Großfürst und seine Tochter Anastasia auch recht heimisch fühlten, baute Möckel das Jagdschloss mit vielen Verzierungen russischer Bojarenhäuser und fügte an verschiedenen Stellen des Gebäudes den russischen Zarenadler als Schmuckelement hinzu. Ein Wappenfeld in der Jagdhalle etwa dokumentiert die enge Verbindung zwischen der Zarenfamilie und den Mecklenburger Fürsten, die sich recht häufig in Gelbensande trafen. Kronprinzessin Cecilie beschreibt in ihren Erinnerungen, wie sich ihr Großvater und Bruder des Zaren, Großfürst Michail,  jedes Jahr zur Brunftzeit des Rotwildes in dem „irdischen Paradies“ aufhielt, um im Gelbensander Forst zu jagen und sich danach am prasselnden Kaminfeuer die kalten Hände zu wärmen. Auch Anastasias Brüder und die Mecklenburger Verwandtschaft waren regelmäßige Jagdgäste in Deutschlands größtem Küstenwald.

Auch heute noch lässt sich der Hochadel dann und wann im Waldschlösschen sehen. Im Juli 2002  empfingen die Mitglieder des Schlossvereins seine Königliche Hoheit Prinzgemahl Henrik von Dänemark. Inkognito, in legerem Hemd und Sandalen, machte der Prinz einen Abstecher in die  Familiengeschichte seiner Gemahlin. Die amtierende Königin Margarete von Dänemark nämlich ist die Enkelin von Alexandrine, die viel Zeit ihrer Jugend im Jagdschloss der Eltern verbrachte und seinerzeit dem Thronanwärter Christian X. nach Dänemark folgte. Das zukünftige dänische Regentenpaar heiratete im April 1898.

Alexandrine erwarb sich schon bei Amtsantritt die Sympathie der Dänen, hatte sie doch innerhalb eines Jahres die Sprache ihres neuen Volkes erlernt. Man nahm sie herzlichen auf in dänischen Residenzen, dennoch blieb sie ihrem Jugendschloss treu und traf sich hier bei häufigen Besuchen mit Bruder Friedrich Franz IV, Schwester Cecilie und deren Familien. Cecilie war mit dem Kronprinzen des Königreichs Preußen verlobt und da dieser und der künftige dänische König nun Schwäger waren, betonte die Presse allseits die Stärkung der deutsch-dänischen Freundschaft. Beide Kronprinzen sollen sich damaligen Zeitungsberichten zufolge beim tatkräftigen Löschen eines Feuers unweit des Schlosses freundschaftlich nähergekommen sein – oder vielmehr beim Umtrunk nach erfolgreicher Brandbekämpfung.

Nach dem Tod des Großherzogs nutzte Anastasia das Jagdschlösschen noch eine Weile als Witwensitz, zog jedoch 1914 die wärmende Mittelmeersonne dem raueren Klima an der Ostsee vor und bezog die langjährige Familienvilla „Wenden“ in Cannes. Friedrich Franz IV nutzte nun mit seiner Familie das „Paradies“ als Hauptwohnsitz, später wurde das Jagdschloss zu einem Lazarett und Krankenhaus.

Wer sich im Paradies von Anastasia und Alexandrine einmal umschauen möchte, hat hierzu das ganze Jahr über Gelegenheit. Seit 1995 restauriert und nutzt ein Schlossverein das einstige Fürstendomizil als Museum und empfängt jährlich etwa 20.000 Besucher. Das originalgetreu restaurierte Esszimmer steht für Konzerte und Veranstaltungen zur Verfügung. Viele Verliebte, mehr als einhundert Paare im Jahr, nutzen das besondere Flair, dass Zarennichte Anastasia und Friedrich Franz III hinterlassen haben, um sich im Erker alten Esszimmers das Jawort zu geben.

 

Quellen und Links:

Jagdschloss Gelbensande

Förderverein Jagdschloss Gelbensande e.V.: Das Jagdschloss Gelbensande

 
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