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Kreidestrich trennt Sassnitz von Russland
Hafenstadt wird für russische Revolutionäre um Lenin zum Tor zur Heimat
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Für die Revolutionäre um Wladímir Iljítsch Uljánow -Lenin - wird der Hafen der Stadt Sassnitz am 12. April 1917 ihr Tor zur Heimat. Nach der Februarrevolution 1917 reisen aufständische Bolschewisten verschiedenster Nationalität aus dem Schweizer Exil zurück in ihre russische Heimat. Ihr Ziel: die Entmachtung des alten Regimes. 

 

Etwa ein Monat nach dem Beginn der Revolution, 25 Tage nach der Abdankung des russischen Zaren, treten die Revolutionäre ihre ungewisse Reise an. Von Zürich aus hat die Gruppe um Lenin ihre Route bis ins Deteil geplant. Man will in Gottmadingen die schweizerisch-deutsche Grenze passieren. Über Stuttgart, Frankfurt und Berlin wird der Zug die nahezu endlose Reise bis in die nordöstlichste Spitze Deutschlands antreten. Die deutsche Reichsregierung hat den Reisenden zuvor freies Geleit zugesichert. Von Sassnitz  aus soll eine Fähre die Ausgewiesenen hoffentlich sicher nach Trelleborg übersetzen, damit sie ihre Route über Stockholm und Tornea bis ins heimatliche Petrograd weiter verfolgen können.

 

Am 9. April 1917 besteigen die Reisenden in Bern den Schnellzug 263 in Richtung Russland. Erster planmäßiger Halt ist der Bahnhof Gottmadingen. Am deutschen Grenzposten hoffen die Emigranten auf ein problemloses Umsteigen. Offiziere bitten die Reisegruppe jedoch in einen Wartesaal, in dem lange, ungewisse Minuten vergehen. Nur Durchzählen – keine Passkontrolle.  Erleichtert steigen die Reisenden in den nächsten Zug – oder vielmehr einen Waggon mit acht Abteilen und einem Gepäckwagen. Lenin besteht darauf, die Gefährten gegen jeden Kontakt abzuschirmen, aber zwei deutsche Offiziere eskortieren die Reisenden. Um dennoch deren absolute Isolation zu sichern, trennt ein symbolischer weißer Kreidestrich ihr Abteil von dem Rest des Waggons. Niemandem außer Lenin selbst ist es erlaubt, die weiße Linie zu übertreten. Sie schottete fortan russisches von deutschem Territorium ab. Um die Exterritorialität zu sichern, wird der grüne Sechsachser zudem versiegelt und setzt sich schnaufend in Bewegung Richtung Heimat.

 

Am 12. April um 17.35 Uhr fährt der verplombte Waggon mit der seltsamen Reisegesellschaft in Sassnitz ein. Aufgrund der peniblen Geheimhaltung erwarten aufgeregte Sassnitzer Bürger russische Großfürsten auf der Durchreise in die Heimat. Enttäuscht, aber Lenin und seinen Gefährten sehr zum Gefallen, ziehen die Einheimischen zurück, als sie niemanden dergleichen entdecken.

 

Die ganze Nacht verbringen die Revolutionäre auf abgesichertem russischen Territorium, bewacht von Polizisten, im Waggon. Erst am Morgen besteigen sie die Fähre „Drottning Victoria“. Noch einmal durchleben die Emigranten beunruhigende Minuten: Die Schweden verlangen eine Passagierliste, ohne Registrierung lassen sie niemanden an Bord. Souverän vermerken sich die Revolutionäre allesamt mit falschen Namen und steigen endlich die Rampe zur „Drottning Victoria“ hinauf, die sie der Heimat ein Stück näher bringt.

 

Nach fast zehn Jahren im Exil trifft Lenin mit seinen Gefährten am 16. April in St. Petersburg ein. Eine Ehrengarde empfängt den Hoffnungsträger vor einer Menschenmenge, die den Finnischen Bahnhof bevölkert. Lenin erklimmt einen gepanzerten Wagen und schreit den Aufruf zur Revolution in die Menge.

Bis 1990 dokumentierte eine außergewöhnliche Gedenkstätte die historische Heimfahrt Lenins. Ein grüner Schnellzugwagen der Königlich Preußische Eisenbahn-Verwaltung gleich dem, der die Revolutionäre einst nach Sassnitz brachte, beherbergte Zeugnisse der Reise. Ein Abteil, eingerichtet mit Untensilien Lenins, lud Gäste der Stadt Sassnitz auf eine Zeitreise ein. 

 

Quellen und Links:

» Michael Pearson The Sealed Train

» Stadt Sassnitz

 

Fotos:

Postkarten der ehemaligen Lenin-Gedenkstätte Sassnitz: Leninabteil und Reiseroute