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Rostocker Dynastie in Europa und Übersee
Färbermeister Krahnstöver in Milwaukee
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von Hans-Heinrich Schimler

 

Anno 1692 kam ein junger Mann namens Hinrich Krahnstöver aus Hamburg nach Rostock und ließ sich hier in der heutigen Kröpeliner Straße 93 als Kürschner nieder. Die Familie lebte über sieben Generationen in der Hansestadt an der Warnow und  bestimmte die Wirtschaft Rostocks entscheidend mit. In der Marienkirche erinnert ein Grabstein an Hinrich und seinen Enkel, den Kürschnermeister Johann Andreas Krahnstöver. Einer der bekanntesten Vertreter der mit Hinrichs Vater Klaus Krahnstöver aus einer einzigen Wurzel entsprungenen Familie ist der Likörfabrikant Julius Krahnstöver. Sein Name ist bis auf den heutigen Tag mit dem Haus Große Wasserstraße 30 verbunden, das er 1876 erworben hatte. Neben dem traditionellen Kürschnerhandwerk waren auch andere Gewerke in der Familie vertreten. Es gab Büchsenmacher, Klempner, Kaufleute, Weinhändler, Goldschmiede, Kapitäne und Färber. Doch ganz besonders zwei Krahnstövers trugen den Namen in die Welt.



WILHELM PAUL (WILLIAM) KRAHNSTÖVER IN ENGLAND


Der Rostocker Kapitän Gottfried Krahnstöver und seine Frau Wilhelmine hatten vier Kinder. Der älteste Sohn Wilhelm Paul kam am 14. August 1831 zur Welt und ging schon als junger Mann nach England. Vater Gottfried hatte dank der Stettiner Verwandten seiner Frau intensive Geschäftsverbindungen ins Königreich aufgebaut und selber mehrmals mit seinem Schiff englische Häfen angelaufen.

 

Nun konnte Wilhelm Paul daraus Nutzen ziehen. Er erhielt eine solide kaufmännische Ausbildung und wurde zum Handel für englische Rechnung nach Ostindien geschickt. Er schloss etliche gute Verträge ab und machte im Indigo-Handel einträgliche Geschäfte, die ihm zu einigem Wohlstand verhalfen. Aus dem Rostocker Jungen Wilhelm Paul Krahnstöver wurde ein reicher Übersee-Kaufmann und Weltreisender, der die englische Staatsbürgerschaft annahm und sich fortan William nannte. Hausbesitzungen in London, Kalkutta, Baden-Baden und Florenz zeugen von einigem Reichtum. Am 30. September 1868 heiratete er Berthe Clara Bianca Sommier, die sich später eingedeutscht Bertha Sommer nannte. Sie war die Tochter eines nicht minder bemittelten Juweliers aus dem Elsass.

William Krahnstöver starb 1922. Bestattet wurde er wahrscheinlich in Vevey. In dem Schweizer Kurort am Genfer See hatte er sich während des ersten Weltkriegs aufgehalten.

Das wohl enorme Vermögen ging an die Kinder und zu einem beträchtlichen Teil an den italienischen Staat. Zahlreiche Sammlerstücke aus dem Hause Krahnstöver/Florenz sind in den Uffizien und im Ethnographischen Museum Florenz aufbewahrt. Nachfahren leben heute in der Schweiz, im Elsass sowie in Leipzig, Celle und St. Goar.


DER ROSTOCKER FÄRBERMEISTER ERNST KRAHNSTÖVER


Erstes Geschäft in Schwerin
Ernst Albert Friedrich Krahnstöver kam am 13. März 1846 in der Wohnetage über den Geschäftsräumen des väterlichen Hauses am Rostocker Hopfenmarkt 17 zur Welt. Der Vater hätte wohl gerne gesehen, dass Ernst wie er Goldschmied wird. Doch der junge Mann hatte andere Interessen. Er wollte Chemiker werden. In der von seinem Enkel Richard in späteren Jahren aufgezeichneten Familiengeschichte wird erzählt, dass Vater und Sohn mit dem Färberberuf, in dem die Chemie ja auch eine Rolle spiele, einen Kompromiss fanden. Sechzehnjährig trat Ernst seine Lehre an und ging anschließend auf Wanderschaft. 1869 eröffnete er im elterlichen Haus einen Färbereibetrieb.

 

1870 ließ er sich mit einem eigenen Geschäft in Schwerin nieder. Der Färbermeister hielt ein recht umfängliches Angebot für seine erhoffte Kundschaft vor. Und auf reichlich Zuspruch hätte er wohl dauerhaft hoffen können, hatte er sich doch mitten im Zentrum der Hauptstadt des Großherzogtums Mecklenburg-Schwerin etabliert. Das Haus steht unter der Adresse Puschkinstraße 53 noch an der gleichen Stelle mit der Rückseite zum Chor des Doms.

Angesehener Geschäftsmann in Rostock
Ernst sollte indes nicht lange in Schwerin bleiben. Der frühe Tod des Vaters stellte ihn vor eine neue Situation und er entschloss sich, in seine Heimatstadt zurückzukehren. Mit zweiunddreißig Jahren lernte er seine zukünftige Frau Louise kennen. Am 31. Mai 1878 heirateten sie. Louise war eine geborene Dernehl. Wahrscheinlich handelt es sich bei ihrem Vater um den Kaufmann Wilhelm Dernehl, der in den Adressbüchern von 1860 und 1861 mit einer Auswanderungsagentur in der Kröpeliner Straße verzeichnet ist. Seine Frau Isabel war eine geborene Schomann. Bäckermeister und Bäckerältester Schomann hatte seine Bäckerei am Hopfenmarkt 16 direkt neben den Krahnstövers. Ernst Krahnstöver betrieb seine Firma im väterlichen Haus am Hopfenmarkt 17.

Mit seiner Frau Louise hatte er zunächst fünf Kinder, die beiden Jungen William (Bill) und Frederik, das Mädchen Augusta sowie die Zwillingsjungen Julius und Albrecht. Wie all ihre Vorfahren und Verwandten nahm die Familie einen gebührenden Platz im Leben des alten Rostock ein. Vater Ernst war ganz selbstverständlich ein durch Fleiß und viel Arbeit zu Ansehen gelangter Geschäftsmann.

Etliche Familien der Krahnstöver-Dynastie wohnten und arbeiteten ganz in der Nähe, wie beispielsweise das Adressbuch von 1878 belegt. Der noch zu beschreibende Großonkel Albrecht, der Bruder des Büchsenmachers Heinrich aus der Wollenweberstraße, wohnte in der der Blutstraße 20, der heutigen Kröpeliner Straße 90, betrieb wie viele in der Familie das Kürschnerhandwerk. Schiffer Robert wohnte im Friedhofweg 13 und Maria, geb. Wrede, die Witwe des großherzoglichen Kapitäns Johann Friedrich, lebte in der Blutstraße 22. Gleich um die Ecke im Heiligengeisthof 39 wohnte die unverheiratete Christiane. Und dann war da noch jener Onkel Julius, der Sohn Albrechts, der sich im Jahr zuvor als Likörfabrikant in der Großen Wasserstraße niedergelassen hatte.

So lebte die Familie des Färbermeisters bis zum alles verändernden Jahr 1889 mitten in Rostock. Dann aber entschloss sie sich wie so viele mecklenburgische und damit auch Rostocker Familien nach Amerika auszuwandern. Nachdem so Haus und Geschäft an den Färbermeister Hermann Schmitt übergeben waren, nahm die Familie Abschied von Rostock und machte sich auf den Weg in die neue Welt.

Der Lebensstandard war nicht der Grund für die Ausreise. Vielmehr erzählte er seinem Enkel Richard, dass er seine Söhne auf gar keinen Fall zum Militär schicken wollte. Sie sollten weder unter dem Großherzog noch unter dem Kaiser dienen. Dies, so heißt es, sei der eigentliche Grund für die Auswanderungsabsichten.

Über Bremen nach New York

Im Juni 1889 trat die Familie des Färbermeisters Ernst Krahnstöver die Reise über den großen Ozean an. Sie gehörte damit zu den 65 Personen, die nach einer Meldung der Rostocker Zeitung in jenem Monat das Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin verließen. Nach dem Abschied von der Heimatstadt Rostock und der Ankunft in Bremen, wo die Auswanderer nach Amerika betreut wurden, ging es mit dem Zug weiter nach Bremerhaven. Am Auswanderungskai erwartete sie der Dampfer „Fulda“, 1882 bei John Elder & Co. in Glasgow gebaut. Neben den Eheleuten Louise und Ernst Krahnstöver waren die fünf zwischen drei und zehn Jahre alten Kinder an Bord des Schnelldampfers. Außerdem reiste der Familien-Dackel als blinder Passagier mit – zwar nicht legal, aber die Kinder mochten sich nicht von ihrem „Pussel“ trennen.

In New York wartete Schwager Adolf auf die Neuankömmlinge. Er unterschrieb auch die Einwanderungspapiere. Louises Brüder, Adolf, Ulrich und William, waren bereits seit 1882 in den Staaten. Adolf handelte mit Lebensmitteln und hatte mit seinem Geschäft bereits ordentlich Fuß gefasst. Auch für seinen Schwager Ernst sah er gute Bedingungen. Zunächst reiste man gemeinsam mit dem Zug nach Milwaukee. Die Stadt im Bundesstaat Wisconsin sollte die neue Heimat der Rostocker werden. Ein besonderes Ereignis war bald nach der Ankunft die Geburt Harrys, der als erster Krahnstöver in den Staaten zur Welt kam. Er ist der Großvater Lauras, die im Jahre 2001 Rostock besuchte.


Dem Deutschen Kaiser untreu
Nachdem Ernst Krahnstövers Schwager Adolf bereits die Einwanderungspapiere bei der Ankunft der Rostocker unterzeichnet hatte, kümmerte er sich auch weiterhin um die Belange der Einbürgerung. Zunächst gibt es da ein „Certificate of Authenticity“, in dem das Krahnstöversche Familienwappen beschrieben und seine Gültigkeit für die Staaten anerkannt und damit auch geschützt wird. Datiert mit dem 4. November 1890 unterzeichnete Ernst eine Willenserklärung für den Eastern District of Wisconsin. Darin verpflichtet er sich zur Aufgabe der Loyalität gegenüber allen Herrschern außerhalb der USA und insbesondere für den Kaiser des deutschen Reiches, Wilhelm II. Erst im Februar 1901 stellte Ernst mittels einer formalen Bitte den Antrag auf die Staatsbürgerschaft der Vereinigten Staaten. In der Petition beruft er sich auf seine Loyalitätserklärung von 1890. Unterzeichnet wurde der Antrag von Adolf Dernehl und einem zweiten Bürgen mit Namen Arthur A. McCormack. Damit waren die Krahnstövers auch formal endgültig in der neuen Heimat angekommen. Der englischen Schreibweise angepasst änderte sich der Name in Krahnstoever und schließlich in Krahnstover.

Auswanderer aus Deutschland hatten sich vor allem in Cincinnati, St. Louis und Milwaukee niedergelassen. Milwaukee hatte damals 250000 Einwohner, zu denen eine starke deutsche Bevölkerung gehörte. So war es geradezu eine Voraussetzung, dass Geschäftsleute die deutsche Sprache beherrschten. Die Amerikanisierung setzte sich erst um 1930 durch. Das deutsche Milieu in Milwaukee begann sich aufzulösen. 1889 jedoch war Milwaukee eine Stadt mit einem großen deutschem Viertel, in dem sich auch die Neuankömmlinge niederließen.


Färbereiunternehmer in Milwaukee
Mit seinen eigenen Mitteln und Investitionen seines Schwagers Adolf konnte sich Ernst Krahnstöver schnell eine Existenz aufbauen. In der North Avenue mitten im deutschen Viertel richtete er sich ein Färberei- und Reinigungsgeschäft „Badger dye Works“ ein. Kurze Zeit später gelingt es ihm bereits, vier Konkurrenzfirmen aufzukaufen, so dass er zum größten Dienstleister seiner Branche in Milwaukee wird. Sein Haupangebot war die Präparierung feuerfester Vorhänge. Noch stand überwiegend die Färberei und mechanische Reinigung im Vordergrund. In einem Briefkopf von 1902 wird erstmals das Angebot einer chemischen Reinigung genannt.

1907 begann Ernst, ein zweites Geschäft aufzubauen. In der North Third Street, die heute nach Martin Luther King benannt ist, ließ er ein großes Haus mit einer das gesamte Erdgeschoss einnehmenden Schaufensterfront errichten. Wie aus Briefen seiner Söhne hervorging, erreichte er damit die Grenzen seiner finanziellen Möglichkeiten. In einem Brief an seine Mutter, schreibt er, dass er Ausbildungsreise seines Sohnes Wilhelm (William) abkürzen wolle, weil es ihm zu teuer würde. Die noch erforderlichen Kosten von 4000 Mark seien zu hoch. Ernst hatte alle vier Jungen zur Ausbildung nach Europa geschickt. Fred und William waren bereits 1904 in das väterliche Geschäft eingestiegen. Im gleichen mit einer Schreibmaschine geschriebenen Brief erzählt er seiner Mutter voller Humor von den Tücken dieser neuen Erfindung mit dem englischen Namen Typewriter, der vor allem die deutschen Umlaute nicht kannte.

Die Krahnstöverkinder waren bis zur achten Klasse zur Schule gegangen und wuchsen zweisprachig auf. Vater Ernst hingegen war es angesichts seiner zunehmenden Taubheit nicht gegeben, englisch zu lernen. So bewältigte Mutter Louise den gesamten englischsprachigen Geschäftsverkehr. Das Geschäft lief über das Leben Ernst Krahnstövers hinaus bis zur Großen Depression gut. Danach erholt es sich nie mehr richtig. 1963 wird das Haus von der Familie verkauft.

In der alten Heimat
Ein im Juni 1907 entstandenes Foto zeigt links im Bild stehend Louise und Ernst Krahnstöver mit ihrer Tochter Auguste und rechts Schwager Adolf Dernehl mit Frau und Tochter bei einem Besuch der Niagarafälle. Von dort aus reisten die beiden Familien gemeinsam nach Rostock. Es war das erste Wiedersehen mit der alten Heimat seit 1889. gewiss war es dann wie eine Fügung des Schicksals, dass während des Aufenthalts in der Heimatstadt Oma Louise starb. Schon zu Hause in Milwaukee hatten sie von einer Erkrankung der Großmutter erfahren. Nun trug der Sohn seine Mutter zu Grabe. Die Trauer der Familie war groß, wie Ernst berichtete. Und dennoch, Ernst hatte seine Mutter noch ein letztes Mal sehen können.

1909 war Ernst einer der angesehensten Geschäftsleute in Milwaukee. Er war Mitglied der Färberinnung und politisch bei den Republikanern angesiedelt, ohne jedoch aktiv zu werden. Verwehrt blieb ihnen indes ein langer gemeinsamer Lebensabend. Louise und Ernst, damals 61 und 71 Jahre alt, starben 1918 bei der großen Grippe-Epidemie, die weltweit 20 Millionen Todesopfer forderte.

Von den Kindern starb 1957 als erste Tochter Auguste, Albert 1963. Sein Zwillingsbruder Julius kam 1968 bei einem Autounfall ums Leben. Die Söhne William und Richard bescherten ihm stolze dreizehn Enkel.


Laura Krahnstover auf den Spuren ihrer Ahnen
Harry, der jüngste Sohn Ernst Krahnstövers, starb 1965. Dessen Sohn Frederik, der bis 1998 lebte, hinterließ mit David, Daniel und Steven drei Söhne sowie seine Tochter Laura. Laura ist mit Phillip Rolfe verheiratet, der mütterlicherseits aus der für ihre Haushaltgerätefirma bekannten Miele-Familie stammt. Laura und Phillip leben in Ramsey, Minnesota. Sie adoptierten die Jungen David und Micah, die den Namen Krahnstover weitertragen werden.

Gemeinsam mit Phillips Mutter Ursula reiste die Familie im Juni 2001 nach Rostock. Der inzwischen verstorbene Familienarchivar Gerold Krahnstöver hatte bei seinen familiengeschichtlichen Forschungen die Verbindung zu Laura hergestellt. Zum Besuch der Heimat ihrer Vorfahren gehörte selbstverständlich auch ein Mittagessen im Krahnstöverhaus. Die Gäste aus Amerika besuchten während eines Stadtrundgangs verschiedene Plätze, an denen Mitglieder der großen Familie gelebt haben, schließlich auch das Geburtshaus ihres Urgroßvaters auf dem Universitätsplatz. So schloss sich ein Kreis, der sich mit der Auswanderung Ernst Krahnstövers nach Amerika gebildet hatte.

 

Fotos:

1. Louise und Ernst Krahnstöver mit ihrer Tochter Auguste, links, und Adolf Dernehl mit Frau und Tochter im Juni 1907 an den Niagarafällen (Archiv Schimler)


2. Haus Ernst Krahnstövers am Hopfenmarkt 17 in Rostock (2. v.r.) (Lorenz: Die alte bürgerliche Baukunst in Rostock)


3. Ernst und Louise Krahnstöver mit den Kindern Wilhelm, zwischen den Eltern, Frederick, links neben der Mutter, Albert, links sitzend, sowie Julius und Augusta, vor dem Vater. Vorne liegend der Dackel Pussel. Das Foto entstand 1890 in den USA. (Archiv Schimler)

4. Ernst und Louise Krahnstöver (Archiv Schimler)

5. Laura Krahnstover trägt sich im Sommer 2001 im Beisein des Familienarchivars Gerold Krahnstöver in das Gästebuch der Gaststätte im Rostocker Krahnstöverhaus ein. (Archiv Schimler)


6. Dampfer "Fulda", gebaut in Glasgow bei John Elder & Co. in Glasgow, läuft 1889 mit den Krahnstövers nach Amerika aus (Stadtverwaltung Fulda)

 

7. Zwischen 1907 und 1909 errichtetes Geschäftshaus in der North Third Street (Archiv Schimler)

 
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