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Pommersche Tradition in Südamerika
Von Bockwurst und Bier in Brasilien
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Albert Ramlow ist in Vorpommern auf besonderer Mission. Dem Namen nach könnte Greifswald seine Heimat sein und in der Tat ist  der gebürtige Brasilianer in der Hansestadt seinen Wurzeln auf der Spur.

 

Neue Heimat mit altem Namen

Seine Ururgroßeltern trieb die Armut vor knapp 150 Jahren aus Pommern nach Südamerika. Viele Tausende taten es ihnen gleich und verließen das Gebiet des heutigen Mecklenburg-Vorpommern, um sich von hiesigen Missständen zu befreien. Aber nur wenige ihrer Nachfahren pflegen ihre Kultur so intensiv und konsequent wie die Bewohner von Pomerode. Schon der Name erinnert unverkennbar an die Gründer, zu denen auch Alberts Großvater gehörte. „Die Pommern rodeten, um das Land bewohnbar zu machen,“ erklärt Albert. Viel hat der Deutsch-Brasilianer von seinen Großeltern gelernt. So wie sie haben auch andere Pomeroder die Pommersche Kultur erhalten. Dazu gehört auch das Sprechen des Plattdeutschen, das Pommersche Siedler im 19. Jahrhundert aus der Heimat mitbrachten. Deutsch ist hier nicht einmal eine Fremdsprache, obwohl sie lange verboten war. Pommersch Platt ist aber bei Weitem nicht das einzige Zeugnis der Herkunft der Pomeraner. Ihre Stadt gilt inzwischen als die deutscheste in ganz Brasilien.

"Heimwehhäuser" und Pommernfest
Wer sie besucht, dem mag es vorkommen, als befinde er sich in einer historischen Stadt in Vorpommern. Einige der 23.000 Pomeroder wohnen noch immer in Häusern, deren Architektur an die norddeutsche erinnert. Zwar gibt es keine monumentalen Bauwerke, aber hübsche Fachwerkhäuschen säumen die Straßen. „Heimwehhäuser“ tauften einige Deutschbrasilianer liebevoll die aus traditionellem Backstein erbauten Gehöfte. Bereits außerhalb der Stadt, vor dem mittelalterlichen Stadttor, werden Besucher empfangen von hübschen Bauernhäusern. Die meisten von ihnen baute Egon Tiedt, Betreiber des Pommerschen Museums in der Stadt. Natürlich befindet sich auch dieses in einer „Casa Enxaimel“, einem gezimmerten Haus.

Pomerode – das zweite m fiel der brasilianischen Rechtschreibung zum Opfer - wurde gegründet am 21. Januar 1861. Etwa 350 000 Pommern, in der Heimat verarmt, wanderten zwischen 1840 und 1918 aus, ein großer Teil von ihnen nach Südamerika. Die brasilianische Regierung bot Startkapital, Grund und Boden, Befreiung von Militärdienst und religiöse Freiheit – für viele Mittellose aus der Provinz Pommern ein unglaubliches Angebot, für das sie für immer ihre Heimat verließen. Aber ihre Kultur haben sie nicht hinter sich gelassen. Im Geburtsmonat der Stadt im Itajai-Tal feiern 30.000 Menschen jedes Jahr ein rauschendes Pommernfest. Zehn Tage lang pflegen sie deutsche Bräuche mit Straßenumzügen, pommerscher Folklore, Volksmusik und natürlich kulinarischen Spezialitäten. Wenn beim Fischerstechen und Wettsägen alle Sieger ermittelt und geehrt sind und wenn die Jungen und Mädchen in traditionellen norddeutschen Trachten ihre Tänze aufgeführt haben, dann stärken sich Teilnehmer wie Besucher bei deftigem pommerschen Essen: Es gibt Ente mit Rotkohl, Bockwurst, Eisbein und frisch gezapftes kühles Bier.

Zur Pflege guter Nachbarschaftsbeziehungen und Freundschaften gründeten die Pomeroder sechzehn Schützenvereine. Auch dieser Brauch kommt aus der  Heimat. In Europa gibt es sie bereits seit dem 18. Jahrhundert. Die Tradition kam mit nach Brasilien und ist bis heute erhalten geblieben.

Neue Generationen halten Kontakt
Begeistert hatte Albert seinen Onkel, einen Historiker, auf dessen Streifzügen durch die Pomeroder Geschichte begleitet. „Ich habe die Geschichte auf meiner Haut gefühlt,“erklärt er. Umso mehr freut ihn, dass zwischen Pomerode und Greifswald in den letzten Jahren eine Partnerschaft entstanden ist. Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kultur kamen im Oktober 2001 anlässlich der Eröffnung des Vorpommerschen Landesmuseums nach Greifswald. Gut zwei Jahre später folgte der Greifswalder Bürgermeister mit einer Delegation der Einladung nach Brasilien. Dr. Arthur König und Margit Krüger, Bürgermeisterin der Stadt Pomerode, möchten den Kontakt der Städte vertiefen, an dem der Unternehmerverband der Stadt Greifswald ebenfalls großes Interesse hat, um vielfältige wirtschaftliche Verbindungen herzustellen. Als Zeichen der Freundschaft vermachte Albert dem Pommerschen Landesmuseum einen besonderen Schatz. Die echten Papiere seines Ururgroßvaters gab er der Pomeroder Delegation als Geschenk an die Greifswalder Gastgeber mit.

Ganz privat fühlt Albert sich wohl in der Heimat seiner Ahnen. Schnee, kahle Bäume im Winter, der intensive Rapsduft im Frühjahr. Die kurzen Nächte im Sommer. „Da brauch ich es gar nicht eilig haben,“ lacht Albert. Auch von Windkrafträdern und  Selbstbedienungsterminals für Digitalfotos ist er begeistert, beides kennt er aus Südamerika nicht. Sprachliche Probleme hat er nicht. „Seit fünf Generationen sprechen wir zu Hause Deutsch.“ Mit den Alten kann sich der Weltenbummler sogar auf Plattdeutsch unterhalten. Während des Ersten Weltkriegs, sagt er, war die deutsche Sprache in Brasilien bei Strafe verboten. Aber kein einziger Pomeroder musste ins Gefängnis, weil man ihre Sprache für Englisch hielt.

Albert freut sich riesig über Kleinigkeiten aus Mecklenburg-Vorpommern: DVDs und Bücher über das Bundesland will er mitnehmen und zu Hause damit Interesse wecken. Der Unternehmerverband Vorpommern in Greifswald unterstützt Albert mit Ideen und befürwortet die wirtschaftliche Verbindung mit Pomerode. „Es gibt keine Sprachbarriere, das macht die Kontaktaufnahme zwischen den Firmen um vieles einfacher,“ so Kastirr.

Der Brasilianer hat in Pomerode Großes vor, will ein Buch schreiben und vielleicht eine DVD herausgeben über das, was er in Vorpommern entdeckt hat. „Wir haben eine andere Philosophie als die Brasilianer.“ Die möchte er erhalten. Tugenden wie die deutsche Pünktlichkeit sind Albert wichtig. Übrigens heißt der Deutschbrasilianer eigentlich Alberto – aber das hört er nicht gern.
 

Quellen und Links:

Pomerode

Hansestadt Greifswald

 

Foto:

Wolfgang Kastirr (Leiter des Unternehmerverbandes Vorpommern e.V.) und Albert Ramlow

 
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